Gespenst an der Hauswand

Erschrecken durch eine Schrecke – so könnte man auch sagen. An der Mauer neben der Haustür saß etwas, was auf den ersten Blick wie ein dürres Ästchen aussah. Auf den zweiten Blick sah ich, dass es ein mir bis jetzt unbekanntes Insekt war. Schnell holte ich meinen Fotoapparat – ich hatte Glück, das Tierchen saß immer noch da.


Dank Internet dauerte es auch nicht lange, bis ich wusste, was ich da entdeckt habe: eine Gespenstschrecke!

Die Gespenstschrecken sind pflanzenfressende Insekten in tropischen und subtropischen Gebieten mit überdurchschnittlicher Größe und bizarren, an Pflanzenteile erinnernde Körperform. Bestimmte Arten werden auch „Stabschrecken“, „Wandelnde Blätter“ oder „Wandelnde Äste“ genannt. Im wörtlichen Sinn sind es keine Schrecken (= Springer), da sie nicht springen können und zur Fortbewegung  nur langsam laufen oder klettern.
Man findet viel Interessantes über die Gespenstschrecken, von denen in regelmäßigen Abständen neue Arten entdeckt und beschrieben werden. Fast alle besiedeln subtropische und tropische Zonen in Südostasien mit üppiger Vegetation. Die Körper von Gespenstschrecken können je nach Art über dreißig Zentimeter lang werden. Das Tierchen an unserer Mauer hatte immerhin eine Länge von 11 cm.


Der größter Vertreter, die Riesenstabschrecke oder wandelnder Ast, gilt mit einer Gesamtkörperlänge von über fünfzig Zentimetern als das längste pflanzenfressende Insekt der Erde. Manche Arten sind mit Dornen, kleinen Hockern oder Stacheln besetzt. Männchen und Weibchen unterscheiden sich im Aussehen sehr stark voneinander. Die männlichen Schrecken sind deutlich kleiner, oft beflügelt, anders gefärbt und sogar von ganz anderer Körperform.


Um sich vor Fressfeinden wie kleinen Säugetieren, Vögeln, Reptilien oder Amphibien zu schützen, haben Gespenstschrecken unterschiedliche Taktiken entwickelt:
– Gute Tarnung, kaum von Ästen oder Blättern zu unterscheiden werden können
– Absonderung eines übelriechenden Sekrets
– Die Schreckstarre und das Abbrechen von Extremitäten.
Gespenstschrecken werden in Europa wegen ihrer bizarren Gestalt in Terrarien gehalten. Zu wissenschaftlichem Ruf hat es die Indische Stabschrecke gebracht. Sie wird weltweit als Versuchstier in Labors gezüchtet und als Demonstrationsinsekt für Tarnung, Fortbewegung, Entwicklung, Sinnesleistung und Stoffwechsel eingesetzt. Das brachte ihr auch den Beinamen Laborstabschrecke oder Laboratoriumsstabschrecke (was für ein Wort!)  ein.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.