Alle Vögel sind schon da

Alle Vögel sind schon da ist eines der bekanntesten deutschen Frühlings- und Kinderlieder. Verfasst hat es 1835 der Dichter, Schriftsteller und Germanist August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874), von dem ja auch das Deutschlandlied stammt.

Gleich in der ersten Strophe heißt es:
„Welch ein Singen, Musizieren, Pfeifen, Zwitschern, Tirilieren!”
Wenn ich das auf Thailand beziehe, müsste ich noch weiter reimen:
Welch ein Rufen, Trällern, Ziepen, Locken, Glucksen, lauthals Piepen.

Und an Stelle von Amsel, Drossel, Fink und Star umfasst die Vogelschar in unserem Garten Bülbül (Nachtigall), Roller (Racke), Liest, Coucal (Kuckuck), Nektarvogel usw.

Wenn man, wie ich als Rentner, endlich mal etwas mehr Zeit hat für sich, kann man sich ausgiebig den kleinen und großen Sängern widmen. Das mache ich jeden Morgen als erstes und wenn die Sonne abends untergeht (und ich nicht gerade auf einem Bouleplatz bin), beschließe ich den Tag auf meinem Lieblingsstuhl auf unserer Veranda.

Da habe ich Muse, sie alle zu sehen und zu hören. In diesem Bericht möchte ich einen kleinen Einblick in die Welt der schönen bis schrillen Töne geben. Bei der Recherche bin ich auf eine Homepage gestoßen, auf der fast alle Vogelstimmen zu finden sind. Ich habe zu den jeweiligen Fotos und Beschreibungen auch einen Link gesetzt. Ich finde, die kleinen Künstler zu sehen und zu hören ist ein doppelter Genuss!

Beginnen wir mit denen, die hier stimmangebend sind: die Mainas. Da haben wir ein mal den biederen Hirtenmaina (oben) und den Punker, den Haubenmaina.

Beide sind lautstarke Sänger und beide brüten bei uns unter dem Dach. Das bedeutet auch, dass der Nachwuchs uns manchmal am frühen Morgen weckt. Soll ja bei menschlichem Nachwuchs auch oft vorkommen, wie mir Dominik immer wieder erzählt! In der Dämmerung versammeln sich große Schwärme zum Schlafen in Bäumen und kommunizieren mit gurgelnden, quiekenden und klickenden Tönen. Der Vogel kann auch menschliche Stimmen nachahmen. Ein ganz verrücktes Exemplar hat uns ja quasi aus der Hand gefressen.

Als vor kurzem ein Bagger hinter unserem Haus arbeitete, war der Tisch für die Mainas reich gedeckt. Da kamen sie in Scharen um alles, was da auf der kahlen Erde schutzlos krabbelte, aufzufressen.

Der Name Bülbül kommt aus dem persischen und bedeutet Nachtigall. In Gegensatz zu vielen Vögeln sind Männchen und Weibchen gleich gefärbt. Ihr Gesang ist zwar nicht ganz so schön wie bei der deutschen Nachtigall, aber sehr angenehm und melodisch und deshalb gehört er für mich zu den Meistersingern. Diese Vögel werden hier auch gezüchtet für die vielen Vogelstimmen-Turniere.

Die Sperbertaube ist in ganz Südostasien weit verbreitet. In unserem Garten brüten sie immer wieder und es ist schön, das Großwerden des Nachwuchses zu verfolgen. Aber es nevt auch manchmal, wenn sie morgens um halb sieben, wenn die Welt ja noch in Ordnung sein sollte, auf der Palme vor dem Schlafzimmerfenster sitzen und mich mit ihrem Kucku-ruku, meist im Wettstreit mit anderen, aus dem Schlaf holen. Weil sie das so schön, laut und ausgiebig können, werden auch mit ihnen Meistersinger-Wettbewerbe ausgetragen.

Die Nektarvögel, auch Honigsauger genannt, sind hier die Gegenstücke der amerikanischen Kolibris. Ihr Flug ist jedoch weniger wendig und sie können im Gegensatz zu den Kolibris nur eine kurze Zeit auf der Stelle schweben. Sie kommen immer paarweise. Einer bleibt auf einem Platz mit guter Aussicht sitzen und signalisiert dem Partner mit einem hohen Zirpen, dass die Luft rein ist. Wenn ich mich auf meinem Stuhl ganz ruhig verhalte, kommen sie bis auf einem Meter ran. Mit dem langen, abwärtsgebogenen Schnabel und der langen Zunge holen sie den Nektar aus den Blüten.

Ein eher seltener Gast ist der Coukal, ein thailändischer Kuckuck. Er ist einer meiner Lieblingsvögel. Er legt die Eier nicht in fremde Nester – er raubt sie eher aus diesen. Er ist viel größer, von Schnabel bis Schwanz fas 50 cm. Auffallend die kastanienroten Flügel auf dem dunklen Grund. Sein dumpfer Lock- oder Balzruf schallt weit und eintönig. Daneben habe ich einen zweiten Ruf entdeck, wie von einem Synthesizer. Es war genau dieser Ton, der mich elektrisierte und mich die Vögel zum ersten Mal entdecken ließ, als das Pärchen auf der Begrenzungsmauer des Grundstücks spazierte.

 

Der Storchschnabelliest ist eine in Thailand vorkommende Eisvogelart. Wobei das Wort Eis hier schon irreführend ist. Er ist für mich der Zirkus-Clown, hat einen überdimensionierten großen roten Schnabel, der ihm auch den Namen eingebracht hat. Man glaubt immer, der müsste doch auf die Nase, bzw. den Schnabel fallen. Auffällig beim Flug sind die türkisfarbenen Flügeloberseiten. Sein etwas eintöniges Trillern am frühen Morgen auf dem Nachbardach hat mich schon oft aus dem Schlaf geholt.

Eine Neuentdeckung ist für mich die Hinduracke (Burmesian Roller). Den etwas strengen Pfeifton am Abend kenne ich von den Kautschukplantagen bei unserem Bouleplatz. Vor ein paar Tagen machte eine ganze Familie einen Ausflug zu uns, Papa, Mama und zwei Jungvögel. Die Jungen mussten brav auf einem Pfahl sitzen bleiben und die Elter sicherten mit Rundflügen das Revier. Herrlich, da zuzusehen und die leuchtenden Blautöne beim Flug zu genießen.

Manchmal drehen auch Fischadler ihre Runden über unserer Siedlung. Fast mühelos gleiten sie im Wind, mit weit ausgebreiteten Flügeln lassen sie sich durch die Thermik immer weiter nach oben treiben. Ein majestätisches Bild. Ihren Gesang hört man allerdings nur, wenn man sich Richtung Meer begibt. Vor allem in der Bucht von Pang Nga, rund um James-Bond-Island gibt es große Kollonien.

Ebenfalls ein eher seltener Gast ist der Blauschwanzspint, ein Vogel aus der Familie der Bienenfresser. Er ist ein farbenprächtiger, schlanker Vogel, hauptsächlich grün, mit einem blauen Fleck im Gesicht und schwarzem Streifen über den Augen und gelber Kehle. Er ernährt sich hauptsächlich von Insekten, die er im Fluge fängt und die er dann auf einem Ast zerkleinert. Sein Gesang ist ähnlich dem des europäischen Bienenfressers.

Die Dajaldrossel ist ein Fliegenschnäpper in Südost-Asien und gilt offiziell als der Nationalvogel Bangladeschs. Der Dajal ist auffällig schwarz-weiß gefärbt und hat mich zuerst an eine kleine Elster erinnert. Den schwarz-weiß gestreiften Schwanz schlägt sie oft hoch über den Rücken und markiert somit ihr Revier. Die Dajaldrossel ist ein guter Sänger.

Vor allem nachts fliegt der Rotlappenkiebitz aus der Familie der Regenpfeifer seine Runden. Er sucht während der Nacht nach Nahrung – und manchmal stört er mich mit den eintönigen Schreien, die ein wenig wie das Wimmern eines Babys klingen, in meiner Nachtruhe. Und ich weiß, jetzt kommt wieder Regen. Auf dem Foto spaziert er ganz frech auf der Straße vor dem haus.

Fast alle diese Vögel, ausgenommen der Storchenschnabelliest, treten paarweise auf. Nur wenn Nachwuchs da ist, ist die ganze Vogelfamilie unterwegs. Ich beobachte auch gerne die unterschiedlichen Flugbilder. Adler und Kiebitz können schön gleiten, ohne viel zu tun. Die Flugbahn des Bülbül ähnelt einer Girlande: ein sanfter bogen nach dem andern. Echte Flugkünstler sind die Mainas und dank der weißen Flügelbinden ist das auch sehr schön anzusehen. Allerdings lieben diese Vögel auch Spaziergänge im Garten, auf der Straße, auf der Mauer. Dabei können sie ganz gemütlich schreiten, wenn’s schneller gehen soll rennen sie und wenn das auch noch nicht reicht, dann hopsen sie mit beiden Beinen.

Die wendigsten Flieder sind jedoch die kleinen Nektarvögel. Die schaffen es, in vollen Flug durch die Stäbe der Hoftores zu fliegen oder beim Nektarsaugen wie ein Kolibri quasi im Stand zu stehen.